Victor Klemperer (1881–1960) war im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts ein angesehener Professor für die Literatur der romanischen Länder, der zunächst in Dresden, nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Halle und Berlin lehrte.
Einem breiteren Publikum wurde er jedoch nicht durch seine romanistischen Forschungen bekannt, sondern zum ersten Mal durch ein Buch mit dem Titel LTI – Notizbuch eines
Philologen (erschienen erstmals 1947, in der DDR sehr verbreitet; 22 Auflagen bis 2007), in dem er die Sprache der Nazis analysierte, und zum zweiten Mal, nun auch im Westen Deutschlands,
durch seine Tagebücher, die er während des Dritten Reichs heimlich und unter Lebensgefahr geführt hat und mit denen er einen ungewöhnlich tiefen Einblick in den Alltag zur Zeit des NS-Regimes gewährt
(erschienen 1995).
Klemperer hätte sich selbst nicht als Held bezeichnet, tatsächlich war er ängstlich und ‚normal‘ genug, um sich Sorgen wegen einer zu langsam fortschreitenden Karriere an der Universität und um die
Gefährdung seines Renommees unter Kollegen, Bekannten und Nachbarn zu machen. Er konnte sich geradezu kindlich an seinem Auto freuen (das er wegen seiner Unzuverlässigkeit selbst „der Bock“ nannte)
und wäre ohne seine mutige Ehefrau Eva Klemperer, geb. Schlemmer († 1951), in der schweren Zeit zwischen 1933 und 1945 kaum überlebensfähig gewesen. Gerade deswegen aber wird sein Handeln umso
bewundernswerter: Klemperer leistete nicht mit der Waffe, sondern mit dem Bleistift Widerstand, von dem er sich durch alle Entmutigungen und Entwürdigungen, denen er als Jude im Sinne der Nürnberger
Gesetze ausgesetzt war, nicht abbringen ließ. Das macht ihn zu einer Persönlichkeit, die für Menschen mit der Neigung zum wissenschaftlichen Arbeiten ein Vorbild sein kann – ein Vorbild, das nicht
durch Denkmalssockel entrückt, sondern aufgrund seiner oft sehr persönlichen Aufzeichnungen dem Alltag am Beginn des 21. Jahrhunderts ganz nahe ist.
Welche Bedeutung die wissenschaftliche Tätigkeit bzw. das Schreiben für Victor Klemperer tatsächlich hatte, wird erkennbar an einer Begebenheit, die sich im Juni 1941 zutrug: Klemperer musste wegen
Nichtverdunkelns eines Fensters eine achttägige Haft im Gefängnis absitzen („mir graut entsetzlich davor, und es ist mir sehr, sehr schwer ums Herz, Eva allein zu lassen“; Tagebuch, 14.3.1941). Ihm
war gesagt worden, er dürfe „lesen und (mit Bleistift) schreiben“ (24.3.1941). Bei seinem Strafantritt wurden ihm jedoch Bücher, Brille und Stift abgenommen, so dass er keine Möglichkeit zum
Schreiben oder Lesen hatte. Nach vier Tagen erreichte er es schließlich, dass ihm ein Bleistift und ein Stück Papier gegeben wurden. „Im gleichen Augenblick war meine Welt ebensostark verändert wie
neulich, als die Gefängnistür zuschlug.“ (27.6.1941) Nach stundenlangem Nachdenken („den ganzen Vormittag über“) notierte er auf dem Zettel als seine ersten Worte:
„An meinem Bleistift klettere ich aus der Hölle der letzten vier Tage zur Erde zurück.“ (27.6.1941)
